Von Köln an den Bodensee

2016 war ich mit meinem Faltrad in Deutschland unterwegs. Meine Reise führte mich von Berlin über die Ostseeküste nach Hamburg und dann über das Emsland zurück gen Süden. Doch manchmal spielt der Wettergott nicht so recht mit und ich hatte mich damals entschlossen, die Reise aufgrund von Dauerregen abzubrechen. Gestrandet in Wuppertal – klingt wie ein schöner Buchtitel ?. Ich hatte schon lange im Kopf, an diese Reise anzuknüpfen. Und dann kam ein ganz besonderer Mensch ins Spiel: mein langjähriger bester Freund Matthias. Anfang des Jahres haben wir zusammen gesessen und eine Radreise im Norden Deutschlands, Dänemark und Schweden geplant. Doch es kam Corona und damit alles anders. Also wurden die Pläne überarbeitet. Und da schloss sich der Kreis zur Reise aus dem Jahr 2016: wir hatten spontan die Idee von Köln an den Bodensee zu fahren.

Es geht los!

Die Reise startete am 12. September. Ich war schon auf „Wetter“ eingestellt, doch der 12. September startete sonnig und so zog ich mit meinem Faltrad los an den Karlsruher Bahnhof. Von dort aus ging es per Bahn nach Köln. Am Kölner Hauptbahnhof angekommen, wartete auch schon Matthias auf mich. Matthias kenne ich, seitdem ich 16 bin. Matthias hat mein erstes Faltrad geerbt, mit dem meine Leidenschaft für die kleinen faltbaren Gefährten begann. Und so gab es am Kölner Hauptbahnhof ein Wiedersehen mit zwei extrem guten Bekannten.

Nachdem wir uns kurz die Beine vertreten hatten, schwangen wir uns in die Sättel und ritten gen Bonn. Unsere erste Übernachtungsmöglichkeit war ein Campingplatz in gut 50km Entfernung. Bei schönstem Wetter war die Rheinpromenade in Köln rappelvoll und wir kämpften uns quasi durch die Massen, bis uns die Schilder den Weg aus der Stadt heraus wiesen.

Der bestens ausgebaute Radweg führte an Industrieanlagen und sogar an einem Haus vorbei, in dem das Wetter online ist. In Bonn waren Rad- und Fußweg auf der Rheinpromenade deutlich getrennt. Wehe dem, der hier gegen ungeschrieben Regeln verstößt. Bei einem Fotostopp wies ein freundlicher Herr durch wildes Gestikulieren doch recht vehement mit „aber rüber, aber rüber, aber rüber!“ auf den notwendigen Seitenwechsel hin. Dass dieser bereits mitten im Vollzug war, war dabei vollkommen egal. Hauptsache, es konnte gemeckert werden. In der Nähe von Remagen fanden wir dann unser erstes Nachtlager. Die darauf folgende Nacht war glaube ich die einzige der gesamten Radreise, in der ich so etwas wie leicht gefroren habe. Das nächtliche Anziehen von Socken und eines Pullovers hat ausgereicht, um dieses flüchtige Gefühl auszumerzen :-) .

Am nächsten Morgen haben wir erst mal die Rheinseite gewechselt, in einem netten Örtchen gefrühstückt und uns die Brücke von Remagen etwas näher angeschaut. Heute sollte uns der Weg über Koblenz bis nach Lahnstein führen. Auch diese Etappe des Radweges war extrem gut ausgebaut und ausgeschildert. Ich muss zugeben, dass wir nicht nur spät losgefahren sind, sondern auch nicht so recht vom Fleck kamen. An vielen Stellen waren die Landschaft oder die Dinge am Wegesrand so unfassbar schön, dass ein Foto-Stopp eingelegt werden „musste“. Aber kaum waren wir an Koblenz vorbei, haben wir noch mal ein bisschen mehr Gas gegeben und uns bis Lahnstein kräftig die Beine abgestrampelt. Zur Nacht hatten wir uns den Campingplatz Burg Lahneck ausgesucht. Gut, man hätte drauf kommen können, dass der Platz ein wenig höher liegt. Nun waren auch noch Zufahrtsstraßen dorthin gesperrt. Gott sei Dank gibt es den Kartendienst eines großen Suchmaschinenherstellers, der einem den Weg weist. In dem Falle war es echt gut, dass wir zu zweit unterwegs waren. Zum einen sehen vier Augen deutlich mehr als zwei, denn alleine hätte ich den des Kartendienstes vorgeschlagenen Weg nie und nimmer gefunden. Zum anderen ist es gut, wenn jemand dabei ist, den man kennt und den man ohne jegliche Scham volljammern kann. Der vorgeschlagene Weg führte durch eine Häuserschlucht, gefolgt von einem Tunnel unter der B42 durch, gefolgt von diversen Treppenstufen. Treppenstufen, richtig! Wohlgemerkt: ich habe dem Kartendienst mitgeteilt, dass ich mit dem Zweirad unterwegs sei. Irgendwie haben wir es dann gemeinsam hinbekommen und wir haben die Räder und das Gepäck die Hundertirgendwas Treppen hinaufgewuchtet. Dafür wurden wir von einem Campingplatz mit sagenhafter Aussicht sowie einer Burg mit extrem leckerem Essen belohnt.

Nächster Tag, tolles Wetter, ab Richtung Rüdesheim. Der Weg führte schnurstracks an der Bundesstraße durchs Mittelrheintal. Auf gut der Hälfte der Strecke durften wir die Loreley auf ihrem Thron besichtigen. Einige Kilometer vor Rüdesheim wurde der Radweg dann durch die Weinberge umgeleitet – Höhenmeter, yeah. Doch damit nicht genug. Die offiziellen Radwegschilder zeigten kurz vor Rüdesheim dann an, dass man doch bitte die B42 nutzen sollte. Ja, wenn es da steht, dann machen wir das doch. Bundesstraßen an sich sind ja schon sehr ungemütlich. Doch als dann auch noch eine recht lang gezogene einspurige Baustelle zu passieren war, hatten wir echt Stress. Wir ließen zunächst alle Autos durch, dann mit voller Kraft und durchgängig über 30 km/h bei 30 Grad ab durch die Baustelle. Wenige Meter bevor wir das Baustellenende erreichten, sprang die Ampel für den Gegenverkehr auf grün. Ich muss nicht erwähnen, dass es ein Autofahrer besonders eilig hatte und das Gaspedal mit seinem betonschweren Schuh betätigte – war knapp! Links das Auto, rechts die Baustellen-begrenzung und das Auto kam dazu verdächtig nahe. Nunja, aufgeregt, überlegt, Pause gemacht, weiter gefahren. Dafür wurden wir in Rüdesheim mit einem 1a Campingplatz belohnt. Zugegebenermaßen fand ich den Platz mit dem Zelt extrem Klasse. Wenn ich ein Wohnmobil hätte, wäre das nix für mich. Ich weiß nicht, wie viele Wohnmobile da in Reih und Glied standen. Nicht nur, das alle beinahe gleich aussahen, sondern sie standen auch sehr beengt. Ist aber nur (m)eine Momentaufnahme gewesen und es ist auch schön zu sehen, dass Camping und damit die teilweise Reduktion aufs Wesentliche wieder mehr Anklang findet.

Tag vier begann mit einem kurzen Ritt, gefolgt von einem Rheinseitenwechsel. Dann ging es schnurstracks nach Mainz. Yeah, der Teil der Strecke kam mir doch sehr bekannt vor. In Mainz haben wir dann noch schnell einen Fahrradladen aufgesucht – danach lief auch mein Rad wieder wie geschmiert. Nach einem ausgiebigen Mittagessen am Rhein ging es weiter Richtung Worms. Ich glaube, es war einer der wärmsten Tage der Tour und wir haben den Rhein bewusst ein paar Meter links liegen gelassen, um den halbwegs direkten Weg gen Worms zu finden. Nach einigen verwirrenden Wegweisern, die Worms in unterschiedlichen Richtungen anzeigten, ist uns das doch gut gelungen. Der Wormser Dom ist ein sehr beeindruckendes Gebäude und so ein Faltrad sieht davor aus wie ein winzig kleiner Gegenstand. Vielleicht ist ein Faltrad auch einfach nur ein winzig kleiner Gegenstand. In Worms übernachteten wir auf einem Campingplatz eines Kanu-Vereins. Wir mussten den zunächst im Internet etwas suchen – dann auch vor Ort. So ein vereinsgeführter Platz hat was. Er war überschaubar, nicht überfüllt und wir hatten unsere Ruhe, um nach dem Radeltag zu entspannen.

Juhu, der erste Tag mit geplanten knappen 100 Kilometern erwartet uns. Seit Rüdesheim ist der Rheinradweg zwar immer noch sehr schön, hat aber nicht mehr ganz so viele Sehenswürdigkeiten zu bieten, wie das Mittelrheintal. Drum radelte es sich seitdem auch etwas zügiger und wir machten uns auf den Weg nach Karlsruhe. Dabei passierten wir Ludwigshafen. Mit knurrendem Magen suchten wir nach einem Bäcker. Ich glaube, die Suche nach einem Bäcker gestaltet sich ungleich schwerer, wenn man Hunger hat. Zumindest kam es mir so vor. Irgendwann hat jede Suche ein Ende und es ging gut gestärkt den Schildern folgend nach Speyer. Wenn ich mir die Karte recht anschaue, haben wir sogar den beinahe direkten Weg erwischt. In Speyer haben wir noch schnell den Dom mitgenommen – also in Sachen Sightseeing. Danach wechselten wir die Rheinseite und fuhren fernab des Rheins nach Karlsruhe. In Graben Neudorf habe ich dann kurz die Orientierung verloren. Ein Rennradfahrer im Rentenalter sah uns an, dass wir etwas verwirrt auf dem Weg rumstanden. Er meinte, Karlsruhe sei genau seine Richtung und wenn wir wollen, könnten wir ihm hinterherfahren. Rennrad versus Faltrad. Puh, wir zwei zusammen waren vielleicht so alt wie der Herr auf dem Rennrad, dennoch ging uns ordentlich die Pumpe und beinahe die Puste aus, als wir dem Herren hinterherdüsten. Irgendwann trennten sich jedoch unsere Wege und wir waren wieder in einem Gefilde, in dem ich mich auskannte. Kurzer Zwischenstopp bei meiner Freundin, Essen, danach noch mit dem Rad ins Tiny House – der nächste Tag kann kommen.

Und der nächste Tag führte uns nach Kehl. Eine Strecke, die uns beiden nicht unbekannt war, denn wir sind sie vor knapp 8 Jahren schon mal gefahren. Damals aber noch mit anderen Rädern und deutlich untrainierter. Diesmal lief es wie geschmiert. Zum einen, weil wir Rückenwind hatten und zum anderen weil wir das ein oder andere wiedererkannten. Es ging vorbei an Rastatt und dem wohl lustigsten Ort namens Scherzheim. Wir lagen so gut in der Zeit, dass wir uns noch einen Zwischenstopp in Rheinau bei der World of Living eines großen Fertighausherstellers gönnten. Das Museum konnten wir ganz entspannt erkunden, denn wir waren beinahe die einzigen Besucher. Auf dem uns bekannten Campingplatz campierte neben uns ein Radfahrpärchen, dass die Reise vom Bodensee nach Kehl angetreten hat. Sie gaben uns den wertvollen Hinweis, den ich in den Untiefen meines Hirns noch abgespeichert hatte: zwischen Kehl und Basel führt der Rheinradweg zwischen Rhein und A5 durch eine tolle und naturbelassene Landschaft – allerdings auch beinahe permanent über Schotterwege. Da wir uns das nicht vollumfänglich antun wollten, haben wir uns für den Folgetag einen Weg rausgesucht, der uns über Dörfer und Landstraßen Richtung Breisach herausgesucht. Und das funktionierte auch überraschend gut. Auf dieser Strecke ist mir ein Ortsname im Gedächtnis geblieben: Altenheim. Ich war echt froh, als wir da raus waren, denn dafür ist es doch noch etwas früh. Dann ging es vorbei an Rust, dem Ort der für den Europapark bekannt war. Ich weiß nicht, ob ich es mir einbildete, aber auf mich wirkte der Ort ein wenig verschlafen, denn es waren recht wenig Touristen vor Ort. Der Park hatte zwar auf, aber es waren offensichtlich nur wenige Fahrgeschäfte offen. Corona hinterlässt seine Spuren. Das Ziel für den Tag hieß Breisach. Für mich war sie eines der Highlights auf der Tour. Ich hatte zwar schon von Breisach gehört, aber bis dato kaum auf dem Schirm gehabt. Die Stadt am Rhein hat ein wunderschönes Münster und eine sehr schöne Altstadt, die uns zum Verweilen eingeladen hat.

Neuer Tag, neues Glück, wieder tolles Wetter, ab Richtung Basel. Zunächst fahren wir ein wenig an der Landstraße, bis wir dann auf den Rheinradweg stoßen. Wasser zur rechten, Autobahn zur linken, Schotter in der Mitte. Es rollt aber überraschend gut und aufgrund einer Wegsperrung haben wir ein paar Kilometer Schotterpiste gespart und sind wieder über die Dörfer ausgewichen. Dann aber kamen die Isteiner Schwellen und es war für mich wieder einmal beeindruckend, wie schön und vor allem wie vielfältig Deutschland ist. Nachdem wir uns satt geguckt hatten, ging es weiter nach Basel. Wir haben die Stadt nur gestreift – aber irgendwas hatte mir gefehlt. Da kam kein „Ich will in die Innenstadt!“-Gefühl. Wahrscheinlich waren wir in den falschen Stadtteilen unterwegs. Dann ging es weiter gen Osten bis zu einem Ort, in dem wir unseren Campingplatz für das Nachtlager vermuteten. Richtig, wir vermuteten nur, denn da war nix. Gar nix. Das war das erste Mal auf der Tour, dass die spontane Nachtalgersuche versagte und wir umdrehen mussten. Auf der Schweizer Seite wurden wir dann in Möhlin fündig. Und kamen zur Ruhe.

Dann war es nur noch eine große Etappe. Voller Vorfreude, es bald geschafft zu haben, bestiegen wir erneut die Aluminium-Esel und ritten mit dem Tau und der Sonne im Gesicht gen Osten. Heute steht ein Ort zwischen Schaffhausen und Konstanz auf dem Plan. Also radelten wir was das Zeug hielt bis nach Bad Säckingen und frühstückten erstmal ausgiebig. Gegen Mittag hatte ich dezente Zweifel, ob wir das Tagesziel denn wohl schaffen würden. Aber dann fing es an zu laufen. Vorbei an Waldshut-Tiengen, dann einmal über die Schweizer Grenze und schwupp waren wir in Schaffhausen und konnten uns ein paar Höhenmeter später anschauen, wo wir gleich herunterdüsen und weiterfahren können. Herrje, war das spannend, den Weg über den Rhein zu finden. Schaffhausen hatte übrigens dieses gewisse Etwas. Da würde ich gern nochmal hin fahren. Das Nachtlager fanden wir auf dem bisher größten Campingplatz unserer Reise in Stein am Rhein. Was für ein herrlicher Platz. 

Der nächste und damit letzte Morgen unserer Reise startete total entspannt. Direkt am Rhein gelegen genossen wir die Aussicht. Die kleine Zeltwiese des Platzes war unter anderem von zwei französischen Familien mit kleinen Kindern bevölkert. Das war wohl das bisher idyllischste Familienleben, was ich je gesehen habe: die Paare haben sich abwechseln um die Kinder gekümmert, damit die Erwachsenen ein wenig Zweisamkeit genießen konnten. Dazu wurde im Rhein gebadet – Obacht, wir es war fast Ende September. Anschließend wurde mit französischen Chansons das gemeinsame Frühstück gerichtet. Das war dann der Zeitpunkt, an dem wir aufgebrochen sind. Und kurze Zeit später haben wir dann auch unser Ziel erreicht: Konstanz am Bodensee. Eine kurze, schmerzlose dafür landschaftlich umso schönere Etappe. Ein lachendes und ein weinendes Auge, denn es waren unfassbar schöne Tage auf dem Rad. Nicht nur des Wetters wegen, nein auch wegen der Landschaft. Das wichtigste aber war jedoch der Mensch an meiner Seite, mit dem ich gefahren bin: es geht nichts über einen Menschen, den man seinen Freund nennen kann!

 

Übersicht über die Etappen

Tag Etappe Entfernung
12.09.2020, Samstag Köln - Remagen 49,37 km
13.09.2020, Sonntag Remagen - Lahnstein 65,45 km
14.09.2020, Montag Lahnstein - Rüdesheim 63,72 km
15.09.2020, Dienstag Rüdesheim - Worms 89,15 km
16.09.2020, Mittoch Worms - Karlsruhe 99,64 km + 17,83 km
17.09.2020, Donnerstag Karlsruhe - Kehl 80,96 km
18.09.2020, Freitag Kehl - Breisach 77,56 km
19.09.2020, Samstag Breisach - Möhlin 101,90 km
20.09.2020, Sonntag Möhlin - Stein am Rhein 105,32 km
21.09.2020, Montag Stein am Rhein - Konstanz 29,14 km

 

Karte

 

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